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Das Licht der Welt habe ich in einer kleinen Mulde erblickt. Abseits der Älteren. Mama und Papa waren schon vergangen. Aber das ist immer so. Es war ein Teil der Reise die mir, wie ich jetzt weiß, noch bevorstand.

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Nach wenigen Tagen in der Kinderstube fühlte ich mich vital und kräftig. Hier war es warm und angenehm, ich wurde verhätschelt. Doch irgendwann war das unbedarfte Jungsein vorbei. Sorgsam löste man mich los und ich bekam neue Nachbarn.

Das erste, was mir auffiel, nachdem mich ein Mensch mühsam auf den Knien zu meinem neuen Zuhause gebracht hatte, war die Beinfreiheit. Genial war das. Ich konnte mich so richtig entfalten und wurde schnell kräftiger. In einem Boden, der alles für mich bereithielt, was ich brauchte. Heute in meinem Alter weiß ich, dass der Boden dafür aufwendig von Menschen gepflegt werden muss. Es gibt genug geschändete Böden, die diese Mühen und Liebe nicht erfahren haben.

Auch das Licht in dieser Intensität war neu für mich. Ich wuchs Blatt um Blatt und Stängel um Stängel. Leckere Regenfälle und fordernde Winde stählten meine Fasern. Alsbald war ich ein stattliches Gestrüpp. Wir waren ein tolles Team, zusammen mit dem Menschen.

Bevor ich mich versah, kam die Liebe ins Spiel. Aber das war zum Glück recht unkompliziert. Kaum Geschlechtsreif und schwups, schon die Kids am Ärmel. Aber uns ging es gut, wir hatten alles, was wir brauchten. Es waren die besten Wochen unseres Lebens und das sah man uns auch an. Saftig und prall. Manchmal kam der Mensch vorbei. Um nach uns zu schauen und uns zu pflegen. Normalerweise war er schnell wieder weg, aber ab jenem Tag war alles anders.

Es kamen mehr Menschen als nur der eine. Wir wurden eine nach der anderen abgetrennt und sorgsam in Körbe gelegt. Andere Hände verluden uns in Fahrzeuge. Danach wurde es Dunkel. Ich kann mich noch an Kälte erinnern, sodass ich ganz schläfrig wurde. Aber ich nahm es den Menschen nicht krumm, denn ich bemerkte wie es mich, trotz meines reifen Alters, straff und vital hielt.

Plötzlich ging alles ganz schnell. Wir, meine Verwandten in den Körben und ich, standen wieder in gleißendem Rampenlicht. Verschiedenste Menschen begutachteten und sprachen über uns. Es kam mir fast so vor als würden sie über uns streiten. Ein neuer Umzug stand an. Verladen, erschöpft und wieder kühl-schläfrig ging die Reise weiter.

Der vorletzte Halt war ein turbulenter Ort. Viele Menschen den ganzen Tag. Nachts dagegen mucksmäuschenstill. Schon nachdem die ersten Menschen vor unserer Kiste gestanden hatten, wurde klar: Wir werden getrennt. Selten hatten zwei das Glück, gemeinsam zu gehen. Auch ich wurde schließlich alleine aufgenommen und von einem Menschen weggebracht.

Jetzt, da ich am Ende meines Lebens liege, wird mir immer mehr klar, wie privilegiert ich bin. Viele meiner Brüder und Schwestern haben es nicht so weit geschafft. Sie landeten auf dem Boden oder in Tonnen. Sie wurden von der Sonne verbrannt oder haben während der Trockenzeit zu wenig Wasser bekommen. Manche hatten das Pech, sich mit einer Pilzkrankheit zu infizieren und einzugehen.

Dutzende Hände haben mich angefasst und immer sorgsam behandelt. Ich möchte fast denken, mit Liebe. Ich wurde herumgefahren, es wurde sich um mich gekümmert. Durch Umgebungstemperatur, Licht und Feuchtigkeit war ich immer frisch. Bestes Anti-Aging, wie man heute sagt. Ich schaue zurück auf mein Leben und bin glücklich. Ich war stets behütet und fühlte mich geliebt, sonnenverwöhnt und gut genährt.

Heute liege ich hier, auf diesem Teller. Aufgeschnitten und gesalzen. Und dieser Mensch über mir schaut mich schon die ganze Zeit so aufmerksam an. Da habe ich ihm einfach meine Geschichte erzählt. Und ich habe das Gefühl, wir verstehen uns. Komischerweise sieht er mich seither noch lüsterner an. Ich denke, hier endet meine Reise fürs Erste.

Was für eine leckere Gurke denke ich und schiebe mir ein saftiges Stückchen in den Mund. Ich kann mich wirklich glücklich schätzen. So einfach an diese leckere Gurke zu kommen. Dann setze ich mich an den Schreibtisch. Um die Geschichte über Dankbarkeit für eine Gurke zu Papier zu bringen.


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  • Habe die ganze Zeit mit einem Lächeln im Gesicht gelesen. War sehr gespannt, welche Frucht am Schluß heraus kommt. Man merkt Dir an, dass Du eine große Wertschätzung gegenüber dem Essen hast. Für Groß und Klein gleichermaßen gut zu verstehen. Hat mir sehr gut gefallen!

    • Danke für den lieben Kommentar, das war mal was anderes, ja.

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